Aachener Nachrichten vom 05.12.05 (Zeitungsausriss, 150 kB)
Ein Heldendrama mit Monty-Python-Feeling
Theater 99 zeigt den Ring der Nibelungen
VON UNSERER MITARBEITERIN GRIT SCHORN
AACHEN. Das althochdeutsche Nibelungenlied, um 1200 entstanden, mit 2400 so genannten Nibelungenstrophen kennen wir doch alle, oder? Siegfrieds Kampf gegen den Drachen, sein Lindenblatt-Trauma, das Mannweib Brunhilde, das nur mittels Tarnkappe bezwungen werden kann, die eifersüchtige Kriemhild in Worms und der trutzige Hagen von Tronje? Ist doch alles bestens bekannt, oder nicht? Spätestens seit Tom Gehrhardts Siegfried-Variante auf jeden Fall.
Dass bei diesem Thema dennoch beträchtliche Lücken klaffen, machen die beiden Moderatoren im Theater 99 dem Publikum auf elegante Weise deutlich. Ebenso, dass der Standort Worms eher hier im Wurmtal zu suchen sei, bei den Aachener Wurmländern. Was die herrlichen Video-Einspielungen übrigens zu belegen scheinen...
Eine filmische Glanzleistung erbringt Pantomime Scheibub als Zwerg Alberich, ebenso wie Gert Haller als Mime, der den begehrten Ring schmiedet (Anmerkung des Setzers: Alberich fertigt den Ring). Und der computergenerierte Lindwurm agiert fantastisch feurig (Anmerkung des Setzers: Der Lindwurm ist handgemachter Puppentrick). Überdies lasst das moderierende Duo Gabi Thomas und Michael Kröhnert, das auch als Erda und Wotan auftritt, keinen Zweifel daran aufkommen, dass nicht das Theater 99 von Tolkien abgeschrieben hat, sondern eher der Herr der Ringe vom Nibelungenlied und von Richard Wagner.
Irrwitzige Kämpfe
In der althochdeutschen Dichtung kommt ja allerhand zusammen, so auch Elemente der altnordischen Edda-Sammlung. Um dem geneigten Publikum so etwas wie ein achtstündiges Wagner-Martyrium zu ersparen, wird die schwertscharfe Germanen-Revue mittels Zeitraffer auf drei höchst unterhaltsame Stunden verkürzt (Anmerkung des Setzers: Wagner dauert nicht acht, sondern etwa 18 Stunden!).
Das neue 99er Großprojekt bietet allerdings so viele einfallsreiche Wendungen, irrwitzige Kämpfe sowie köstliche Irrungen und Wirrungen, dass die Kritik nur ein paar absolute Höhepunkte herausgreifen kann. So zeigt Wotan dem verträumten Siegfried (herrlich somnambul-blond: Oliver Steinhauer) buchstäblich, was eine Harke ist nicht der Trank des Vergessens lässt den edlen Recken, in eine Liebes-Amnesie fallen, vielmehr schlägt er sich beim Stolpern über bewusste Harke den Kopf an. Und vergisst die süße isländische Brunhilde, von Jutta Kröhnert keineswegs als derbes Mannweib verkörpert.
Echt cool
Später mit Brustpanzer und auf Vergeltung sinnend, sieht die Walküre sowie ihre Rache-Sache schon anders aus. Echt cool und aus Pappmaschee sind Giselher und Gernot, die stillen Brüder von König Gunther in Worms, den Thorsten Schumann ein fein dosiert trotteliges Profil gibt. Köstlich auch Kriemhilds (Ricarda Schumann) schrille Singsang-Neigung, die ihren Gatten Siegfried so verstört, dass er den schwächelnden Gunther sogar in dessen Hochzeitsnacht bei Brunhilde vertritt. Dann werden Weiber zu Hyänen und Schlafzimmergeheimnisse offenbar, die sogar Wotan erschüttern. Zuvor aber imponiert der isländische Dreikampf, von Moderator Wotan zur Sportreportage erhoben.
Das Publikum hat nicht nur viel Spaß, es hat auch seine höchst eigene Rolle bei diesem Schaukampf mit Tarnkappen-Einsatz, wobei Brunhilde und Siegfried sich akrobatisch bekriegen. Deftig und später tückisch Hagen von Tronje, dem Thomas van Gent starke Konturen verleiht sogar mit Wikingerhelm. Hagen als skrupelloser Machtpolitiker zeigt, dass es hier keineswegs nur um Liebe und Triebe geht.
Tumbe Helden und (meist) starke Frauen, dieser Eindruck zieht sich als roter Faden durch den vermaledeiten Ring, der keinem Glück bringt, sondern nur Untergang und Tod. Walhallender Beifall für diese heroische Ensembleleistung, die auch Jutta Kröhnerts wackere Regie und kraftvolle Texte einschließt, ebenso wie Ricarda Schumanns Musikinspirationen, die gelungenen Kostüme und das wunderbare Monty-Python-Feeling.
Aachener Zeitung vom 05.12.05 (Zeitungsausriss, 180 kB):
Siegfrieds Eskapaden als spaßige Helden-Hommage
Akut-Inszenierung von Wagners Ring der Nibelungen gerät zur augenzwinkernd-ironischen Persiflage. Hervorragende Akteure.
VON UNSEREM MITARBEITER CHRISTOPH HAHN
AACHEN. Das Stück hat Pfiff, Tempo und Witz; die Schauspieler sind mit Hingabe und Herzblut bei der Sache zur Zeit spricht alles für einen Besuch im Theater 99 am Gasborn. Vom Publikum umjubelt, hatte in dem im Keller gelegenen Spielraum der freien Aachener Bühne das von Jutta Kröhnert nach alten Stoffen zusammen gestellte Spektakel "Der Ring der Nibelungen" Premiere. Rund dreieinhalb Stundeh (mit Pause) dauert die Inszenierung, bei der Jutta Kröhnert auch Regie führt. Und keine einzige dieser nicht gerade wenigen Minuten ist eine zu viel.
Der Ring der Nibelungen ist, zumindest in seiner Aachener Paraphrase, alles andere als Wagners Opern-Stoff, in der die Mythen von Siegfried, dem Titel gebenden Ring, den Rheintöchtern und anderen legendären Wesen dahin ziehen wie schwere Nebelschwaden: Mit Hilfe einer ganzen Reihe von Rück- und Kunstgriffen holen Jutta Kröhnert, die zudem als Brunhild eine tragende Rolle spielt, [und das weitere Ensemble] das Personal der alten mittelhochdeutschen Uberlieferung auf die Ebene des Menschlichen bis allzu Menschlichen herunter, erzielen bisweilen burleske Wirkungen, verlieren sich aber nie in den sumpfigen Untiefen banalen Ulks.
"Der Ring der Nibelungen" kann deshalb kaum als Karikatur der Mythen, die sich um ihn ranken, gelten. Vielmehr betreiben das Stück, seine Autorin und ihre Rechercheure ein behendes, versiertes und deshalb souveränes Spiel mit dem Stoff. Dazu bedienen sie sich der äußeren Form einer Revue, bei der ein ironisch agierendes Moderatoren-Duo (augenzwinkernd, mitunter ätzend: Gabi Thomas, Michael Kröhnert) durch die Handlung führt und bisweilen in sie eingreift. Der Bekömmlichkeit der Aufführung und ihrem immensen Spaß-Gehalt dient es überdies, dass die erzählerische Strategie auf mehrere Ebenen zurückgreift. Eine wichtige Rolle spielen die beiden eingespielten Filme, die mit allerlei kunstreichen Elementen zum Beispiel dem hinreißend komischen Auftritt des Pantomimen Scheibub als Zwerg Alberich die facettenreiche Erzählung erweitern. Auch Comics kommen zum Tragen; Mit Hilfe gezeichneter Geschichten führt das Duo Thomas/Kröhnert im Stile einer Moritat in die Nibelungen-Saga ein. Vor allem aber sind da die fabelhaften Schauspieler, so zum Beispiel Jutta Kröhnert, der der Zuschauer auch die zarten, ganz und gar nicht ko-mischen Töne glaubt - was im Übrigen auch für Yvonne Oheim als Elsa gilt. Siegfried (Oliver Steinhauer) gibt, mit verwuschelter Blondhaar-Perucke, den heroisch bis naiven Recken. Gunther (Thorsten Schumann) und Hagen (Thomas van Gent) setzen voll tönende humoristische Akzente. Und Ricarda Schumann, von der auch der Soundtrack zur Inszenierung stammt, liefert zum Schluss einen Schwerter schwingenden Auftritt ganz im Stil der Kill Bill-Filme, dem jeder Besucher schon wegen seiner artistischen Aspekte Respekt zollen muss.
Eine weitere Rezension auf der Seite Freie Bühne (dort ins "forum" wechseln)